Sexuelle Lustlosigkeit - wenn die Lust auf Sex fehlt
Kennst du das Gefühl, keine Lust auf Sex zu haben?
Vielleicht hast du schon länger keinen Appetit auf Sexualität. Oder du merkst, dass du keine Lust mehr auf den Sex hast, den du bisher kennst. Vielleicht fühlst du dich gelangweilt von deiner Sexualität oder fragst dich, warum sexuelles Verlangen bei dir gerade keine Rolle spielt.
Eine Frage finde ich dabei besonders spannend: Worauf genau hast du eigentlich keine Lust?
Vielleicht geht es gar nicht darum, dass dir grundsätzlich die Lust auf Sexualität fehlt. Vielleicht fehlt dir vielmehr die Lust auf eine Sexualität, die sich für dich nicht stimmig, nicht erfüllend oder nicht genussvoll anfühlt.
Und was macht es mit dir, wenn ich dir sage:
Sexuelle Lust ist nicht einfach da oder nicht da – sie ist erlernt.
Lust entsteht dort, wo etwas Freude macht
Ich möchte mit einem Bild aus einem ganz anderen Lebensbereich beginnen – einem Bild, das die meisten von uns vermutlich gut kennen.
Kennst du das Gefühl, so richtig Appetit auf dein Lieblingsessen zu haben? Du stellst dir vor, wie es auf dem Teller liegt, wie es riecht, wie der erste Bissen schmeckt. Vielleicht läuft dir allein bei dem Gedanken schon das Wasser im Mund zusammen.
Aber warum eigentlich?
Wir alle haben unterschiedliche Lieblingsgerichte. Niemand kommt mit einer angeborenen Vorliebe für Pizza, Sushi oder Spaghetti Carbonara auf die Welt. Unsere Vorlieben entwickeln sich, weil wir etwas probiert haben und die Erfahrung gemacht haben:
Das schmeckt mir. Das tut mir gut. Das macht mir Freude.
Genau dadurch entsteht Appetit.
Dieses Bild lässt sich wunderbar auf Sexualität übertragen.
Denn auch sexuelle Lust, Erregung und Begehren entwickeln sich durch Erfahrungen. Unser Körper lernt, was sich angenehm anfühlt, was Freude bereitet und was wir genießen. Wenn Sexualität hingegen immer wieder mit Druck, Unsicherheit, Schmerzen, Scham oder Enttäuschung verbunden war – wie soll dann Lust darauf entstehen?
Im Studium stellte einer unserer Dozent*innen dazu immer eine einfache Frage: „Du schaust doch auch keine schlechten Serien, oder?“
Ich finde, dieser Satz bringt es wunderbar auf den Punkt. Wir entwickeln Lust auf das, was sich lohnt.
Sexuelle Lustlosigkeit ist häufig – und sie bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt
Wenn du sexuelle Lustlosigkeit kennst, bist du damit keineswegs allein. Fehlendes sexuelles Verlangen gehört bei Frauen zu den häufigsten sexuellen Herausforderungen. Schätzungsweise 21–25 % der Frauen erleben Phasen oder länger anhaltende sexuelle Unlust.
Und bevor wir weitergehen, ist mir eines besonders wichtig: Mit dir ist nichts falsch.
Lustlosigkeit bedeutet nicht, dass du kaputt bist oder dass dein Körper versagt. Sie ist auch kein Zeichen dafür, dass du “nicht normal” bist. Aus meiner Sicht ist sexuelle Lustlosigkeit vielmehr ein Signal. Sie lädt dazu ein, genauer hinzuschauen und neugierig zu werden: Was möchte mir meine Lust gerade sagen?
Was bedeutet sexuelle Lustlosigkeit überhaupt?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sexuelle Lustlosigkeit zu beschreiben.
Im ICD-10 wird sie als Mangel oder Verlust sexuellen Verlangens definiert. Gemeint ist damit, dass sexuelle Aktivitäten seltener von der betroffenen Person ausgehen. Gleichzeitig können sexuelle Erregung oder Befriedigung durchaus weiterhin möglich sein.
Diese Definition beschreibt zwar, was beobachtet werden kann, sagt aber nur wenig darüber aus, warum sexuelle Lust fehlt oder wie sie entsteht.
Deshalb möchte ich den Schwerpunkt dieses Beitrags auf eine embodimentorientierte Sichtweise legen.
Im Sexocorporel wird Lustlosigkeit dem Bereich des sexuellen Begehrens zugeordnet. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob Lust vorhanden ist oder fehlt.
Lust ist aus dieser Perspektive nichts Starres.
Sie entwickelt sich ein Leben lang – durch Erfahrungen, Lernen, unsere Beziehung zum eigenen Körper und durch die Art und Weise, wie wir Sexualität erleben.
Auch die klassische Sexualtherapie betrachtet sexuelle Lustlosigkeit als ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören beispielsweise körperliche oder hormonelle Veränderungen, anhaltender Stress, psychische Belastungen oder die Qualität einer Partnerschaft.
Deshalb schauen wir in der Beratung nicht nur auf die Frage:
“Hast du Lust oder hast du keine Lust?”
Sondern vielmehr auf Fragen wie:
Seit wann besteht die Lustlosigkeit?
Betrifft sie deine Sexualität generell oder nur bestimmte Situationen?
Erlebst du sie sowohl in der Selbstsexualität als auch mit einer Partnerperson?
Fehlt dir eher die emotionale Nähe oder die körperliche Erregung? Oder beides?
Und vielleicht die wichtigste Frage überhaupt:
Fehlt dir die Lust auf Sex – oder fehlt dir die Lust auf den Sex, den du gerade erlebst?
Warum ich den Begriff „sexuelle Störung“ schwierig finde
Lustlosigkeit wird häufig den sexuellen Funktionsstörungen beziehungsweise sexuellen Störungen zugeordnet. Fachlich ist das zwar korrekt, dennoch tue ich mich mit diesem Begriff schwer.
Denn „Störung“ klingt schnell so, als sei etwas an einem Menschen kaputt oder falsch.
Genau das möchte ich nicht vermitteln.
Viel häufiger zeigt sexuelle Lustlosigkeit, dass etwas in unserem Leben oder in unserer Sexualität gerade nicht zu uns passt. Vielleicht haben wir Sexualität so gelernt, dass sie wenig Raum für Genuss, Neugier oder die eigenen Bedürfnisse lässt. Vielleicht funktionieren wir mehr, als dass wir spüren.
Deshalb sehe ich Lustlosigkeit lieber als einen Wegweiser.
Nicht als Beweis dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt, sondern als Einladung, genauer hinzuschauen:
Was braucht meine Sexualität, damit sie sich wieder lebendig anfühlen kann?
Ist mit meiner Lust etwas nicht in Ordnung?
Vielleicht fragst du dich gerade, ob deine Lustlosigkeit “normal” ist.
Die kurze Antwort lautet: Ja – sehr wahrscheinlich.
Unsere sexuelle Lust ist nicht jeden Tag gleich. Sie verändert sich im Laufe unseres Lebens und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Stress, Krankheit, hormonelle Veränderungen, Schwangerschaft, Elternschaft, Konflikte in der Partnerschaft oder belastende Lebensphasen können dazu führen, dass sexuelles Verlangen zeitweise in den Hintergrund tritt.
Nicht jede Phase sexueller Unlust ist deshalb “behandlungsbedürftig”.
Entscheidend ist vielmehr eine andere Frage:
Leidest du selbst darunter oder wünschst du dir eine Veränderung?
Denn Lustlosigkeit ist nicht automatisch ein Problem. Sie wird erst dann zu einer Herausforderung, wenn sie für dich selbst mit Leidensdruck verbunden ist oder wenn du dir wünschst, deine Sexualität wieder lebendiger zu erleben.
Und noch etwas ist mir wichtig:
In diesem Beitrag spreche ich nicht über Asexualität. Asexuelle Menschen erleben wenig oder keine sexuelle Anziehung – und das ist keine Störung und nichts, das behandelt werden muss. Hier geht es vielmehr um Menschen, die sich eigentlich sexuelle Lust wünschen, sie aber im Moment nicht oder kaum erleben.
Primäre und sekundäre Lustlosigkeit
In der Sexualwissenschaft wird häufig zwischen einer primären und einer sekundären Lustlosigkeit unterschieden.
Von einer primären Lustlosigkeit spricht man, wenn sexuelles Verlangen im bisherigen Leben kaum oder gar nicht erlebt wurde – unabhängig von einer bestimmten Person oder Situation.
Sehr viel häufiger begegnet uns jedoch die sekundäre Lustlosigkeit. Hier war sexuelles Verlangen früher vorhanden und hat sich im Laufe des Lebens verändert oder deutlich abgeschwächt. Das kann sich auf bestimmte Beziehungen beziehen, auf einzelne Lebensphasen oder auch auf die Sexualität insgesamt.
Diese Unterscheidung kann hilfreich sein, weil sie zeigt, dass Lust nichts Starres ist.
Sie verändert sich.
Und genau deshalb kann sie sich auch wieder verändern.
Lustlosigkeit hat viele Ursachen
Wenn wir nach den Ursachen sexueller Lustlosigkeit suchen, gibt es selten den einen Grund.
Meist entsteht sie durch das Zusammenspiel verschiedener körperlicher, psychischer, zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Faktoren.
Vielleicht kennst du einige davon:
anhaltender Stress oder mentale Überlastung
hormonelle Veränderungen (z. B. nach einer Geburt oder in den Wechseljahren)
Schmerzen beim Sex
Nebenwirkungen von Medikamenten
Scham- oder Schuldgefühle
Leistungsdruck
emotionale Distanz in der Partnerschaft
ungelöste Konflikte
fehlende Kommunikation über Sexualität
Routinen, die sich nicht mehr lebendig anfühlen
traumatische Erfahrungen
ein negatives Körperbild
Erschöpfung oder psychische Belastungen
Erkrankungen
fehlendes Wissen über die Potenziale einer lustvollen Sexualität
Mythen und Glaubenssätze
Und manchmal ist es auch eine Mischung aus mehreren dieser Faktoren.
Deshalb gibt es auf die Frage „Warum habe ich keine Lust mehr auf Sex?“ selten eine einfache Antwort.
Lust braucht gute Bedingungen
Im Sexocorporel betrachten wir Lust nicht als etwas, das plötzlich verschwindet.
Vielmehr schauen wir darauf, unter welchen Bedingungen Lust überhaupt entstehen kann.
Denn Lust entwickelt sich dort, wo unser Körper Erfahrungen macht, die sich angenehm, sicher und genussvoll anfühlen.
Wenn Sexualität hingegen über lange Zeit mit Druck, Schmerzen, Unsicherheit oder dem Gefühl verbunden war, funktionieren zu müssen, dann lernt unser Körper genau das ebenfalls.
Er lernt:
Sex lohnt sich gerade nicht.
Das bedeutet nicht, dass dein Körper gegen dich arbeitet.
Vielleicht versucht er dich sogar zu schützen.
Warum guter Sex Lust macht – und schlechter Sex eher nicht
An dieser Stelle denke ich oft an einen Satz aus dem Buch „Magnificent Sex“ von Peggy Kleinplatz:
Sex, der sich nicht lohnt, gewollt zu sein, ist einer der häufigsten Gründe für sekundäre Lustlosigkeit.
Ich finde diesen Gedanken unglaublich spannend.
Denn häufig fragen wir:
„Wie bekomme ich meine Lust zurück?“
Vielleicht wäre die hilfreichere Frage:
„Wie müsste Sexualität sein, damit sie sich für mich überhaupt lohnt?“
Denn wenn Sexualität überwiegend bedeutet,
Erwartungen erfüllen,
funktionieren,
sich unter Druck fühlen,
sich nicht zeigen können,
Schmerzen haben,
den eigenen Körper nicht richtig spüren,
oder ständig damit beschäftigt sein, ob alles “richtig” läuft,
wie soll daraus Vorfreude entstehen?
Wir freuen uns auf Dinge, die uns guttun.
Nicht auf Dinge, die wir einfach nur abhaken.
Der Orgasm Gap – wenn Sexualität nicht für beide gleich erfüllend ist
Gerade bei Frauen kann sexuelle Lustlosigkeit auch damit zusammenhängen, dass die bisherige Sexualität wenig befriedigend erlebt wird.
Vielleicht hast du schon einmal vom Orgasm Gap gehört.
Damit ist gemeint, dass Frauen in heterosexuellen Begegnungen deutlich seltener einen Orgasmus erleben als Männer.
Das ist kein individuelles Versagen.
Vielmehr zeigt es, wie sehr unsere Vorstellungen von Sexualität häufig noch auf männliche Sexualität ausgerichtet sind.
Wenn gemeinsamer Sex hauptsächlich um Penetration kreist und der männliche Orgasmus als selbstverständlich gilt, während weibliche Lust eher zufällig mitgedacht wird, entsteht schnell Frust.
Und ich finde, wir dürfen an dieser Stelle eine unbequeme Frage stellen:
Wie soll Lust auf Sexualität entstehen, wenn Sexualität sich für eine Person dauerhaft nicht besonders lohnt?
Vielleicht fehlt dir nicht die Lust auf Sex.
Vielleicht fehlt dir die Lust auf einen Sex, in dem deine Bedürfnisse bisher zu wenig Platz hatten.
Sexualität haben wir alle gelernt
Ein Aspekt, der mir besonders am Herzen liegt, ist unsere sexuelle Prägung.
Niemand kommt mit einem fertigen Bild davon auf die Welt, wie Sexualität “funktioniert”.
Wir lernen sie.
Durch unsere Familie.
Durch Schule.
Durch Medien.
Durch Pornografie.
Durch Beziehungen.
Durch gesellschaftliche Erwartungen.
Viele Frauen haben dabei gelernt,
lieb und angepasst zu sein,
auf andere zu achten,
den eigenen Körper kritisch zu betrachten,
Bedürfnisse eher zurückzustellen,
oder Sexualität stärker aus der Perspektive des Gegenübers zu erleben als aus der eigenen.
Diese Erfahrungen prägen unser sexuelles Erleben oft stärker, als uns bewusst ist.
Deshalb geht es in der Sexualberatung häufig nicht darum, mehr Lust zu machen, sondern zunächst einmal darum, neugierig zu erforschen:
Wie habe ich Sexualität eigentlich gelernt?
Und:
Dient mir das heute noch – oder darf ich etwas Neues lernen?
Spontane und responsive Lust – warum Lust nicht immer von allein kommt
Wenn wir an sexuelle Lust denken, haben viele von uns ein ganz bestimmtes Bild im Kopf:
Plötzlich ist sie da.
Ganz spontan.
Wir bekommen Lust auf Sex, verspüren sexuelles Verlangen und möchten mit einer anderen Person intim werden.
Dieses Bild begegnet uns überall – in Filmen, Serien oder Liebesromanen. Es wirkt fast so, als müsse Lust einfach “von allein” entstehen. Tut sie das nicht, denken viele Menschen schnell:
“Mit meiner Libido stimmt etwas nicht.”
Doch so einfach ist es nicht.
Die Sexualforscherin Emily Nagoski beschreibt zwei unterschiedliche Arten, wie sexuelles Verlangen entstehen kann: spontane und responsive Lust.
Spontane Lust
Die spontane Lust kennen vermutlich die meisten Menschen aus den Medien.
Sie entsteht scheinbar ohne äußeren Anlass. Das sexuelle Verlangen ist zuerst da – und daraus entwickelt sich der Wunsch nach sexueller Nähe.
Manche Menschen erleben spontane Lust häufiger, andere seltener. Und auch das kann sich im Laufe des Lebens verändern.
Responsive Lust
Bei der responsiven Lust ist der Weg ein anderer.
Hier entsteht Lust nicht vor, sondern während einer angenehmen Erfahrung.
Vielleicht beginnt sie mit einer liebevollen Umarmung. Mit einem innigen Kuss. Mit einer Berührung, bei der dein Körper langsam zur Ruhe kommt. Vielleicht entsteht sie durch emotionale Nähe, ein Gefühl von Sicherheit oder einen Moment, in dem du ganz bei dir sein kannst.
Das bedeutet:
Du musst nicht zuerst Lust haben, damit Lust entstehen kann.
Für viele Menschen – und besonders für viele Frauen – entwickelt sich sexuelles Verlangen erst, wenn bereits angenehme Reize da sind und der Körper merkt:
“Das fühlt sich gerade gut an.”
Allein dieses Wissen kann unglaublich entlastend sein.
Denn vielleicht fehlt dir gar nicht grundsätzlich die Lust.
Vielleicht wartest du nur auf eine Form von Lust, die dein Körper gar nicht hauptsächlich nutzt.
Lust und Erregung sind nicht dasselbe
Ein weiterer Irrtum ist, dass Lust und körperliche Erregung immer gemeinsam auftreten müssten.
Tatsächlich sind das zwei unterschiedliche Prozesse.
Es gibt Menschen, die zunächst Lust verspüren und deren Körper anschließend erregt reagiert.
Es gibt aber genauso Menschen, deren Körper zuerst auf angenehme Berührungen reagiert und bei denen die Lust erst im weiteren Verlauf entsteht.
Und manchmal gibt es sogar körperliche Erregung, ohne dass wir Lust empfinden – oder Lust, ohne dass unser Körper sofort reagiert.
Unser Körper ist komplex.
Deshalb lohnt es sich, neugierig zu beobachten, wie dein ganz persönliches sexuelles Erleben eigentlich funktioniert, anstatt es mit einem vermeintlichen “Normal” zu vergleichen.
Das sexuelle Gaspedal und die sexuelle Bremse
Ein Modell, das ich in diesem Zusammenhang besonders hilfreich finde, stammt ebenfalls aus der Sexualforschung.
Vielleicht hast du schon einmal von dem Dual-Control-Modell gehört.
Stell dir vor, deine Sexualität funktioniert wie ein Auto.
Es gibt ein Gaspedal.
Und es gibt eine Bremse.
Das Gaspedal reagiert auf alles, was Lust und sexuelles Interesse fördert.
Das können zum Beispiel sein:
Berührungen
Flirten
Fantasien
emotionale Nähe
ein Gefühl von Verbundenheit
angenehme Gerüche
Musik
Neugier
ein schöner Moment mit dir selbst oder einer anderen Person.
Gleichzeitig besitzt unser sexuelles System aber auch eine Bremse.
Sie reagiert auf alles, was unserem Körper signalisiert:
“Jetzt ist gerade kein guter Zeitpunkt.”
Zum Beispiel:
Stress
Zeitdruck
Scham
Angst
Konflikte
Schmerzen
Müdigkeit
Leistungsdruck
das Gefühl, funktionieren zu müssen
fehlende Sicherheit.
Und genau hier liegt häufig ein Missverständnis.
Viele Menschen versuchen verzweifelt, mehr Gas zu geben.
Sie suchen nach Möglichkeiten, ihre Lust anzukurbeln.
Dabei ist das eigentliche Problem oft gar kein fehlendes Gaspedal.
Sondern eine Bremse, die dauerhaft angezogen ist.
Vielleicht braucht deine Sexualität deshalb gar nicht mehr Reize.
Vielleicht braucht sie zunächst weniger Stress.
Weniger Druck.
Mehr Sicherheit.
Mehr Zeit.
Mehr Genuss.
Unser Nervensystem spielt eine größere Rolle, als wir oft denken
Lust entsteht nicht losgelöst vom Rest unseres Körpers.
Sie hängt eng mit unserem Nervensystem zusammen.
Wenn wir ständig unter Strom stehen, von Termin zu Termin hetzen oder gedanklich noch mitten im Arbeitsalltag sind, fällt es unserem Körper schwer, in einen Zustand zu kommen, in dem Genuss überhaupt möglich ist.
Denn unser Körper fragt sich zuerst:
Bin ich sicher?
Erst wenn diese Frage mit “Ja” beantwortet werden kann, wird es für viele Menschen überhaupt möglich, sich für Berührung, Nähe und Sexualität zu öffnen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Sex nur nach einem perfekten Wellnesstag stattfinden kann.
Aber es macht deutlich, warum Entspannung, emotionale Sicherheit und Verbundenheit für viele Menschen keine netten Extras sind, sondern eine wichtige Grundlage für sexuelles Erleben.
Lust beginnt oft lange vor dem Schlafzimmer
Deshalb beginnt Lust für mich häufig nicht erst in dem Moment, in dem wir miteinander schlafen.
Sie beginnt viel früher.
Vielleicht in dem Moment, in dem du dir erlaubst, eine Pause zu machen.
Vielleicht dann, wenn du deinen Körper wieder bewusster wahrnimmst.
Wenn du dich beim Duschen nicht nur wäschst, sondern spürst.
Wenn du Musik hörst und dich dazu bewegst.
Wenn du etwas isst, das dir richtig gut schmeckt.
Wenn du lachst.
Wenn du dich lebendig fühlst.
Lust ist nicht nur sexuelle Lust.
Sie ist eine Fähigkeit, Genuss wahrzunehmen.
Und manchmal dürfen wir genau dort wieder anfangen.
Die Beziehung zu deinem eigenen Körper
Aus embodimentorientierter Sicht stellt sich deshalb oft eine ganz andere Frage als:
“Wie bekomme ich wieder Lust?”
Vielleicht lautet sie vielmehr:
“Wie gut bin ich eigentlich mit meinem Körper verbunden?”
Viele Frauen erzählen in der Beratung, dass sie ihren Körper im Alltag hauptsächlich funktional erleben.
Er muss leisten.
Gut aussehen.
Gesund sein.
Durchhalten.
Dabei gerät manchmal in den Hintergrund, dass unser Körper auch ein Ort von Genuss, Neugier und Lebendigkeit sein darf.
Deshalb beginnt sexuelle Entwicklung oft nicht mit mehr Sex.
Sondern damit, den eigenen Körper wieder bewusster wahrzunehmen.
Zu spüren.
Seine Grenzen kennenzulernen.
Seine Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Und neugierig herauszufinden:
Was fühlt sich für mich eigentlich wirklich gut an?
Was braucht meine Lust?
Vielleicht ist die wichtigste Frage am Ende dieses Artikels gar nicht:
„Wie bekomme ich meine Lust zurück?“
Sondern:
„Was braucht meine Lust, damit sie entstehen kann?“
Diese kleine Veränderung macht einen großen Unterschied.
Denn sie richtet den Blick weg vom Defizit und hin zu den Bedingungen, unter denen Lust wachsen darf.
Vielleicht braucht deine Lust mehr Ruhe.
Vielleicht mehr Zeit.
Vielleicht mehr Berührung.
Mehr Verbindung.
Mehr Neugier.
Mehr Sicherheit.
Oder vielleicht braucht sie eine Sexualität, in der deine Bedürfnisse genauso wichtig sind wie die deines Gegenübers.
Lust beginnt mit Neugier
Anstatt gegen deine Lustlosigkeit anzukämpfen, möchte ich dich zu etwas anderem einladen:
Werde neugierig.
Nicht neugierig darauf, warum mit dir etwas nicht stimmt.
Sondern neugierig auf dich selbst.
Auf deinen Körper.
Auf deine Sexualität.
Vielleicht kannst du dir einmal in Ruhe folgende Fragen stellen:
Worauf genau habe ich keine Lust?
Gab es Zeiten, in denen ich mich sexuell lebendig gefühlt habe? Was war damals anders?
Welche Bedingungen helfen meinem Körper, sich sicher und entspannt zu fühlen?
Welche Berührungen genieße ich wirklich?
Wo funktioniere ich eher, als dass ich genieße?
Was wünsche ich mir eigentlich von Sexualität?
Wenn ich Sexualität völlig neu lernen dürfte – wie würde sie aussehen?
Vielleicht kennst du auf einige dieser Fragen noch keine Antwort.
Und das ist völlig in Ordnung.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer Antwort.
Sondern mit einer guten Frage.
Genuss darf wieder einen Platz bekommen
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung einen sehr hohen Stellenwert hat.
Genuss dagegen kommt oft zu kurz.
Das zeigt sich auch in unserer Sexualität.
Nicht selten geht es darum, etwas richtig zu machen.
Zu funktionieren.
Den Erwartungen des Gegenübers gerecht zu werden.
Einen Orgasmus zu erreichen.
Oder möglichst spontan Lust zu haben.
Dabei gerät leicht aus dem Blick, worum es eigentlich gehen könnte:
Genuss.
Ich wünsche mir, dass Genuss wieder einen selbstverständlichen Platz in unserer Sexualität bekommt.
Dass wir weniger fragen:
“Wie sollte Sexualität sein?”
Und häufiger fragen:
“Wie fühlt sie sich für mich an?”
Sex, der es wert ist, gewollt zu werden
Die Sexualforscherin Peggy Kleinplatz schreibt in ihrem Buch Magnificent Sex einen Satz, den ich immer wieder berührend finde:
Sex, der sich nicht lohnt, gewollt zu sein, ist einer der häufigsten Gründe für sekundäre Lustlosigkeit.
Ich finde, darin steckt unglaublich viel.
Vielleicht brauchen wir gar nicht in erster Linie mehr Lust.
Vielleicht brauchen wir mehr Sexualität, die es wert ist, gewollt zu werden.
Sexualität, die Freude macht.
Die neugierig macht.
Die Verbindung schafft.
Die Genuss ermöglicht.
Die uns lebendig fühlen lässt.
Mein Wunsch für dich
Wenn du aus diesem Artikel nur einen Gedanken mitnimmst, dann vielleicht diesen:
Mit deiner Lust ist nichts falsch.
Vielleicht versucht sie dir gerade etwas zu zeigen.
Vielleicht macht sie dich auf etwas aufmerksam, das gesehen werden möchte.
Vielleicht lädt sie dich dazu ein, deine Sexualität neu kennenzulernen – jenseits von Erwartungen, Leistungsdruck und dem Gefühl, funktionieren zu müssen.
Denn Lust ist nichts, das wir einfach besitzen oder verlieren.
Sie ist lebendig.
Sie verändert sich.
Sie darf wachsen.
Und sie darf sich immer wieder neu entwickeln.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen
Manchmal hilft es, die eigene Sexualität nicht allein zu erforschen.
Gerade wenn Scham, Unsicherheit oder langjährige Muster eine Rolle spielen, kann es entlastend sein, gemeinsam hinzuschauen.
In meiner Sexualberatung begleite ich Frauen* dabei, ihre Sexualität besser zu verstehen, den eigenen Körper wieder bewusster wahrzunehmen und herauszufinden, was ihre Lust wirklich braucht.
Nicht mit schnellen Lösungen.
Sondern mit Neugier, Wissen und einem wertschätzenden Blick auf das, was bereits da ist.
Denn ich bin überzeugt:
Lust ist nicht etwas, das wir erzwingen können.
Aber wir können Bedingungen schaffen, unter denen sie wachsen darf.